ders IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN (1978); beide Filme konzentrieren sich auf männliche Protagonisten und deren Reaktion auf die unmögliche Realität der Gesellschaft, in der sie leben. Die vernachlässigte Minderheit dessen, was Scharf als die Zukunftsnarrative des Neuen Deutschen Films versteht, wird von ihr in einer empirischen Unter- suchung von 88 relevanten Produktionen vorgestellt. Sie konstatiert, dass 59 Prozent von ihnen mit einem Tod oder einem bevorstehenden Tod enden. Ihr zufolge lassen diese wortwörtlichen „dead ends” oder Sackgassen keine Mög- lichkeiten für öffnende Zukunftsideen, sondern manifestieren eine Abschlie- Rung: „these ‚dead ends’, in the literal sense of the word, leave no room for future imaginings since they represent a point of closure beyond which there is no narrative/temporal continuation possible“ (S. 133). Zum Schluss zieht Scharf ein pessimistisches Fazit zum Neuen Deutschen Film, ein Gefühl, das viele der jüngeren Forscher teilen, Aus Scharfs Sicht versagte der Neue Deutsche Film, insofern er positive Ausblicke zu seinen Themen nicht bieten konnte. Er verlor seine Rolle als revolutionäre Stimme, weil er keine Horizonte einer besseren Zukunft aufzuzeigen vermochte. Querzustehen und den Tod als Lösung zu wählen mag poetisches Potenzial besitzen (und irgendwie schick sein), doch reicht das offenbar nicht aus. Englischsprachigen Lesern ermöglicht Scharf einen erfrischenden Blick auf ein bedeutendes Kapitel der deutschen Filmgeschichte. Am besten ist Scharf dort, wo sie fast unbekannte Schätze des Neuen Deutschen Films wie Peter Fleischmanns Die HAMBURGER KRANKHEIT (1979) ausgräbt. Scharfs Analysen machen Appetit auf mehr. Ihr Buch ist nicht allein eine gute Informations- quelle, sondern präsentiert auch den originellen theoretischen Ansatz einer jungen und vielversprechenden Wissenschaftlerin. (Lihi Nagler) EM Drehli Robnik: Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948-2008. Wien: Verlag Turia+ Kant 2009, 238 Seiten ISBN 978-3-85132-557-7, € 24,00 Pünktlich zum 65. Jahrestag des berühmtesten Attentats auf Adolf Hitler und noch im Nachhall der medienpolitischen Kontroversen, die Bryan Singers VALKYRIE in Deutschland begleiteten, erschien mit Drehli Robniks Geschichts- ästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948-2008 die erste Monografie, die die bislang produzierten filmischen Darstellungen des gescheiterten Umsturzversuches in den Blick nimmt. Dass von Robnik, der als Historiker und Filmwissenschaftler in Wien, Brno und Frankfurt am Main lehrt und auch schon einmal einen Film namens KAMPFKOMMANDO VIRUS (1991) mitverantwortete, keine nüchterne Aufstellung und Analyse seines Stoffes zu erwarten war, konnte ahnen, wer mit früheren Texten des Autors 86 kimblart 11 7200910 in Berührung gekommen ist, die sich gleichermaßen für poststrukturalisti- sche Theorieapparate und Popkultur begeistern. Die intellektuellen Geschütze, welche die Einleitung von Geschichtsästhetik und Affektpolitik in Stellung bringt, heißen vor allem Ranci&re und Deleuze, denen als zeitgenössischer Pate der Reggae- und Funkmusiker Jan Delay bei- gestellt ist. Dessen Song www.hitler.de besingt Stauffenberg als hellsichtigen Außenseiter - ein Motiv, das sich als Refrain durch Robniks assoziative Film- lektüren zieht. Zur Sprache kommen erste Kino-Verkörperungen des militä- rischen Widerständlers im amerikanischen Kriegsfilm THE DESERT Fox (1951) und den miteinander konkurrierenden westdeutschen Produktionen DER 20. Ju (1955) von Falk Harnack und ES GESCHAH AM 20. Juri (1955) von Georg Wilhelm Pabst. Diesen beiden Filmen widmeten sich bereits 2004 Claudia Dill- mann und Ronny Loewy in 2x 20. Juli - die Doppelverfilmung von 1955. Ein weiteres Kapitel bezieht sich auf diverse, auch abseitige Kino- und TV-Spiel- filme, in denen der 20. Juli eine Rolle spielt. Die Bildpolitik des ARD-Dramas STAUFFENBERG (2004) von Jo Baier und verschiedener ZDF-Inszenierungen un- ter der Ägide Guido Knopps stellt Robnik in den Zusammenhang der Selbst- viktimisierung und damit jenes Opferdiskurses, der seit Ende der 1990er Jahre deutsche Geschichtsinszenierungen prägt. In den Dokumentationen und Doku-Dramen nach der Jahrtausendwende durchläuft Stauffenberg Ver- wandlungen vom Modelleuropäer avant la lettre, der auch zu staatlichen Re- präsentationszwecken vereinnahmt werden kann, zur ambivalenten histori- schen Figur im Kreise noch ambivalenterer Mitverschwörer. Zuletzt überrascht Bryan Singer mit einem Thriller, der reich an geschichtlichem und filmge- schichtlichem Wissen ist, und Drehli Robnik überrascht mit einer Lesart von VALKYRIE gegen den Strich, von hinten nach vorn - oder „retroaktiv”, wie es im mitunter aufdringlichen Neojargon des Textes heißt. Der Autor geht nicht linear vor (so gibt es auch keine Filmografie am Ende des Buches), er betrachtet ein Bild im Spiegel des anderen, sieht Stauffen- berg durch David Cronenbergs VIDEODROME (1983), stellt Stammheim neben den Kreisauer Kreis und zieht Bryan Singers Apr PupiL (1998) zur Sichtung von VALKYRIE heran, was unter anderem zu folgendem Gedankensprung führt: „Die Offiziersverschwörung gegen Hitler ist geheime Verabredung verfolgter Homosexueller: das ist eine Nachricht, die viele Filme über den 20. Schwuli in durchsichtiger Codierung ausgesendet haben, und die retroaktiv zu dechif- frieren Singers Film ermöglicht und nahelegt.” (S. 201) Robnik beschreibt seine Methode, alles mit allem in Zusammenhang zu bringen, als Normal- modus heutigen Wissens im digitalen Zeitalter: „postfordistisch zwangsver- linkt, proto-paranoid” (S. 187). Das ist durchaus anregend, genau wie die zahlreichen Assoziationsketten und Wortspiele, die von der Augenklappe des kriegsversehrten Oberst zum Bild eines Piraten springen - von da zu PIRATES OF THE CARIBBEAN - zur Widerstandsgruppe Edelweißpiraten - zu Produktpi- Fimblatt +1 7 2009/10 87 raterie - der raubkopierenden Medienguerilla - und zurück zu Stauffenberg als Medienquerillero, der den Walküre-Plan „heimlich gehijackt” (S. 28) hat, um ihn für seine Zwecke umzunutzen. Eine weitere Kostprobe, die dem Um- feld der obigen Freestyle-Interpretation von Tom Cruises Stauffenberg-Rolle als „queerer Egalitarist” (S. 225) entstammt: Augenklappe - große Klappe - Schwulenklappe - Cruising. Neben diesem gewissen Unterhaltungswert bietet das Buch treffende Betrachtungen zur „Geschichtsästhetik und Affektpoli- tik“, zur Bild- und Erzählrhetorik der verschiedenen Werke in ihrem soziopo- litischen Umfeld, und wird als („queere”) Fachliteratur interessant, bei der die genaue Kenntnis der erwähnten Filme allerdings hilfreich ist. Von Nutzen kann ebenso ein Verständnis des Politikbegriffes von Ranciere sein, der Zeit- Philosophie von Deleuze, des Terminus „Biopolitik“ nach Foucault etc., um dem eklektizistischen Theorie- und Gedankenapparat des Bandes überhaupt folgen zu können, Wem der sperrige Slang Drehli Robniks, der vielleicht wis- senschaftliche Potenz signalisieren soll, aber gänzlich unsinnlich ist, nicht von Universitäts wegen vertraut ist, der muss für die Lektüre ein gerütteltes Quantum masochistische Dechiffrierungslust mitbringen. (Sonja M. Schultz) B Filmmuseum Potsdam (Hg.): [ugo. Filmgeschichte in Kleidern. A Film History in Clothes. Potsdam 2008, 80 Seiten, Ill. ISBN 978-3-98 12104-0-8, € 9,90 (Preis im Filmmuseum Potsdam) Anfang 2006 konnte das Potsdamer Filmmuseum den umfangreichen Nachlass der Schauspielerin Jenny Jugo erwerben, was zum Anlass genommen wurde für eine Ausstellung im eigenen Haus und im Modemuseum Meyenburg. Unter den Neuerwerbungen befanden sich fast 40 Filmkostüme oder Kostümteile. „In keiner bekannten Textilsammlung existiert ein vergleichbarer Bestand aus der Zeit des deutschen Films vor 1950.” (5. 6) Der deutsch-englische Katalog macht mit den Materialien bekannt und wählt dazu zunächst den biografischen Zugang. Guido Altendorf bringt nach präziser Recherche neue Lebensdetails ans Licht und charakterisiert die Spielweise der jungen Jugo zutreffend als „IT” - „das gewisse Etwas“: Sie sei für Männer unwiderstehlich, „bezaubert allein durch ihre entspannte und irdische Selbstverständlichkeit.” (S. 10) Bärbel Dalichow kennzeichnet die Jugo als temperamentvolle, nette Person, die in ihren Rollen Muster einer neuen, selbstbewussten Lebensweise von Frauen entwarf. Beide Aufsätze berühren auch ihr Verhältnis zum Nati- onalsozialismus. Zwar sei sie eine „Profiteurin der NS-Zeit“ (S. 37) gewesen und habe regelmäßig im Haus Goebbels verkehrt, an direkten Propagandafil- men habe Jenny Jugo jedoch nicht mitgewirkt. Im zweiten Katalogteil steht ihre überlieferte Filmkleidung im Blickpunkt - in wirkungsvollen Farbab- bildungen und in Beiträgen von Lisa Winkel und Maxie Berlin. Beide Texte bleiben nah an den Objekten: Zu ihrem Recht kommt einerseits die aufwän- 88 Fruhiatr oh 2009710